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Digitale Zusammenarbeit im Betrieb: Regeln, die tragen

Werkzeuge ersetzen keine Absprachen: welche drei Regeln digitale Zusammenarbeit im Mittelstand tragen und wie Beschäftigte ohne Bildschirm erreicht werden.

9. März 2022 · 918 Wörter
Rathaus in Lüneburg, historische Fassade am Marktplatz
Lüneburg. Foto: Tim Rademacher, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Als Betriebe zwischen 2020 und 2022 einen Teil ihrer Arbeit ins Digitale verlegten, veränderte sich weniger die Technik als der Umgangston. Werkzeuge waren schnell eingeführt; schwieriger war die Frage, wie ein Team zusammenarbeitet, wenn es sich nicht mehr täglich sieht. Mit genau dieser Kommunikationskultur beschäftigt sich unter anderem das CCMI aus Lüneburg, eine Unternehmensberatung, die kleine und mittelständische Betriebe begleitet und die digitale Zusammenarbeit als eigenes Forschungsthema betrachtet.

Für den Mittelstand zwischen Elbe und Heide ist das Thema alltagsnäher, als es klingt: Wo Standorte weit auseinanderliegen und Fachkräfte knapp sind, entscheidet die Qualität der Abstimmung darüber, ob ein Betrieb Menschen halten kann.

Was digitale Kommunikation schwierig macht

Der häufigste Irrtum ist die Annahme, ein Werkzeug ersetze eine Absprache. Tatsächlich verschiebt jedes Werkzeug nur den Ort, an dem eine Frage gestellt wird, und wenn nicht geklärt ist, wo was hingehört, entstehen drei typische Probleme.

  • Kanalchaos. Dieselbe Information läuft über Mail, Chat, Aushang und Zuruf. Niemand weiß, welche Version gilt.
  • Dauererreichbarkeit. Wenn jede Nachricht sofort beantwortet wird, entsteht eine Erwartung, die niemand ausgesprochen hat und die in Schichtbetrieben besonders belastet.
  • Verlorene Zwischentöne. Kurze schriftliche Nachrichten wirken schroffer, als sie gemeint sind. Konflikte entstehen häufiger aus Tonfall als aus Inhalt.

Was in der Praxis hilft

Betriebe, bei denen es funktioniert, haben meistens dieselben drei Dinge geregelt, und zwar schriftlich, nicht als Gefühl.

Erstens: ein Kanal je Zweck. Verbindliches per Mail oder im Aufgabensystem, Schnelles im Chat, Grundsätzliches im Gespräch. Wer die Zuordnung einmal festlegt, spart sich die Frage, ob eine Nachricht „gilt“.

Zweitens: Erreichbarkeitszeiten. Eine ausdrückliche Regel, wann Antworten erwartet werden und wann nicht, entlastet mehr als jede Software. In Betrieben mit Schichtmodell gehört dazu, dass Nachrichten außerhalb der Schicht keine Handlungspflicht auslösen.

Drittens: Entscheidungen sichtbar machen. Was beschlossen wurde, muss an einem Ort stehen, den alle kennen; sonst wird dieselbe Frage in drei Kanälen erneut verhandelt.

Der besondere Fall: Betriebe mit Werkstatt und Büro

In der Region betrifft das viele Betriebe. Ein Teil der Belegschaft arbeitet an der Maschine, auf der Baustelle oder in der Pflege und hat keinen Bildschirmarbeitsplatz; ein anderer Teil sitzt im Büro und kommuniziert schriftlich. Wenn Information nur digital verteilt wird, entsteht eine Zweiklassenlage, in der die Hälfte der Belegschaft dauerhaft hinterherhinkt.

Praktisch bewährt hat sich, für diese Gruppen zusätzliche Wege offenzuhalten: Aushang oder Bildschirm im Pausenraum, eine feste kurze Schichtübergabe, Informationen in der Arbeitszeit statt in der Freizeit. Der Aufwand ist gering, die Wirkung groß, und er verhindert genau das Gefühl, über das Beschäftigte in gewerblichen Bereichen am häufigsten klagen: dass Entscheidungen sie zuletzt erreichen.

Wie eine Regel entsteht, an die sich alle halten

Der Unterschied zwischen einer Absprache, die trägt, und einer, die nach drei Wochen vergessen ist, liegt selten am Inhalt. Er liegt daran, wer sie aufgestellt hat. Regeln, die aus der Belegschaft kommen (aus einer kurzen Runde, in der jede Gruppe ihren Fall einbringt), werden eingehalten; Regeln, die als Rundmail eintreffen, werden gelesen und ignoriert.

Bewährt hat sich ein einfaches Vorgehen: eine Stunde, in der aufgeschrieben wird, welche Informationen es im Betrieb überhaupt gibt und wo sie heute landen. Meist zeigt sich dabei sofort, welche zwei oder drei Wege überflüssig sind. Danach eine Verabredung auf einer Seite Papier, ein Termin nach sechs Wochen zur Nachschärfung und die Erfahrung, dass die Hälfte des Problems schon verschwindet, wenn Zuständigkeiten einmal ausgesprochen wurden.

Was das mit Fachkräftebindung zu tun hat

Kommunikation ist einer der Gründe, die in Austrittsgesprächen regelmäßig auftauchen, ohne dass sie in Stellenanzeigen je vorkommen. Menschen kündigen selten wegen eines Werkzeugs, aber häufig, weil sie sich nicht gehört fühlen, weil Zuständigkeiten unklar sind oder weil sie ständig zwischen Kanälen suchen müssen.

Für kleine Betriebe ist das eine gute Nachricht: Anders als beim Gehalt lässt sich hier mit begrenztem Aufwand etwas verbessern. Klare Zuständigkeiten, verlässliche Antwortzeiten und sichtbare Entscheidungen kosten kein Budget, sondern eine Verabredung, und sie wirken bei Auszubildenden genauso wie bei erfahrenen Beschäftigten.

Welche Rollen dabei entstehen

In größeren Häusern entstehen daraus eigene Aufgaben: interne Kommunikation, Wissensmanagement, IT-Administration mit Schwerpunkt Zusammenarbeit. In kleineren Betrieben liegt die Rolle meist bei einer Person aus Verwaltung oder Geschäftsführung, die das Thema nebenher trägt.

Für Berufseinsteigende ist beides interessant. Wer aus einem kaufmännischen Beruf kommt und sich mit Ablauforganisation befasst, findet hier ein Feld, das in fast jedem Betrieb gebraucht wird und das sich, anders als viele Spezialisierungen, ohne Standortwechsel entwickeln lässt.

Was ist digitale Kommunikationskultur?

Die Summe der Regeln und Gewohnheiten, nach denen ein Team schriftlich und über Distanz zusammenarbeitet: welcher Kanal wofür gilt, wann Antworten erwartet werden und wo Entscheidungen nachlesbar sind.

Welche Fehler machen Betriebe am häufigsten?

Sie führen Werkzeuge ein, ohne die Zuordnung zu klären. Dann läuft dieselbe Information über mehrere Kanäle, es entsteht eine unausgesprochene Dauererreichbarkeit, und Entscheidungen werden mehrfach verhandelt.

Wie erreicht man Beschäftigte ohne Bildschirmarbeitsplatz?

Über zusätzliche Wege innerhalb der Arbeitszeit: Aushang oder Bildschirm im Pausenraum, feste kurze Schichtübergaben und Informationen, die nicht ausschließlich digital verteilt werden.

Hilft bessere Kommunikation bei der Fachkräftebindung?

Ja, und sie ist einer der wenigen Hebel, die kein Budget kosten. Unklare Zuständigkeiten und das Gefühl, Entscheidungen zuletzt zu erfahren, tauchen in Austrittsgesprächen regelmäßig auf.

Im Profil

Landkreis Lüneburg · NN +17 m

Gesundheit, Bildung und Mittelstand zwischen Elbe und Heide — der Arbeitsmarkt im Landkreis Lüneburg.

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