besserhier

Sicherheitsscheiben aus Kunststoff: Industrie in Bardowick

Beschichtetes Polycarbonat aus dem Landkreis Lüneburg: was das Material kann, wo es verbaut wird und welche Berufe ein solcher Betrieb braucht.

26. Januar 2021 · 914 Wörter
Dom zu Bardowick im Landkreis Lüneburg, Südfassade der romanischen Backsteinkirche
Bardowick im Landkreis Lüneburg. Foto: Wolfgang Meinhart, Hamburg, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Sicherheitsscheiben aus Kunststoff sind ein Produkt, das die meisten Menschen täglich sehen, ohne es zu bemerken: als Schutzscheibe an einer Werkzeugmaschine, als Sichtfenster in einer Produktionsanlage, als Verglasung in Fahrzeugen oder als Trennwand in einem Verkaufsraum. Hergestellt und veredelt werden sie unter anderem im Landkreis Lüneburg: in Bardowick sitzt mit der KRD Coatings GmbH ein Betrieb, der beschichtete Polycarbonatscheiben unter der Marke KASIGLAS fertigt.

Für die Region ist das ein typischer Fall: ein spezialisierter Industriebetrieb, dessen Produkte weltweit verbaut werden, dessen Name aber außerhalb der Branche kaum jemandem etwas sagt. Genau solche Betriebe stellen einen erheblichen Teil der technischen Ausbildungsplätze zwischen Elbe und Heide.

Warum Polycarbonat und nicht Glas

Polycarbonat ist ein thermoplastischer Kunststoff mit einer Eigenschaft, die ihn für Schutzanwendungen interessant macht: Er splittert nicht. Wo Glas bei einem Schlag in scharfkantige Stücke zerfällt und Acrylglas reißt, verformt sich Polycarbonat und hält zusammen. Deshalb sitzt es dort, wo Menschen und bewegte Teile nah beieinander sind.

Zwei weitere Eigenschaften erklären den industriellen Einsatz. Erstens lässt sich das Material spanend und thermisch gut bearbeiten, also in nahezu beliebige Größen, Radien und Ausschnitte bringen, von durchgehenden Wänden bis zu kleinen Aufstellern. Zweitens ist es deutlich leichter als Glas gleicher Dicke, was Montage, Transport und Konstruktion vereinfacht.

Der Nachteil des Materials ist seine Oberfläche: Unbeschichtetes Polycarbonat verkratzt schnell und wird dadurch blind. Genau an dieser Stelle setzt die Veredelung an: eine aufgebrachte Beschichtung macht die Scheibe kratzfest und chemikalienbeständiger, und erst damit wird aus einem Kunststoffzuschnitt ein langlebiges Bauteil.

Wo die Scheiben eingesetzt werden

  • Maschinen- und Anlagenbau: Schutzscheiben an Werkzeugmaschinen, Sichtfenster in Fertigungszellen, Abschirmungen an Robotern.
  • Fahrzeugbau: Verglasungen für Sonder-, Nutz- und Sportfahrzeuge, bei denen Gewicht und Splitterfreiheit zählen.
  • Sport und Veranstaltung: Banden und Abtrennungen, die Aufprallenergie aufnehmen müssen.
  • Gebäude und Innenausbau: Trennwände, Schalter- und Kassenverglasungen, Sichtschutz in Verkaufs- und Publikumsräumen.

In den Jahren 2020 und 2021 kam eine Anwendung dazu, die den Betrieb kurzfristig stark beschäftigte: mobile Schutzwände für Schulen, Kindergärten, Pflegeeinrichtungen, Büros und Kassenbereiche. Technisch war das keine Neuentwicklung, sondern dasselbe Material in anderer Konfektionierung, mit abgerundeten Ecken für den Einsatz in Klassenräumen und in Größen, die zum jeweiligen Möbel passten. Der Fall zeigt, was solche Betriebe auszeichnet: Ein bestehendes Verfahren lässt sich innerhalb weniger Wochen auf einen völlig neuen Bedarf umstellen, weil Zuschnitt, Beschichtung und Konfektionierung im eigenen Haus liegen.

Wie ein Auftrag durch den Betrieb läuft

Sonderfertigung heißt, dass kaum ein Auftrag dem anderen gleicht, und das prägt den Arbeitsalltag. Am Anfang steht eine Anforderung: Maß, Dicke, Radien, Ausschnitte, Belastung, Einbausituation. Daraus entsteht eine Zeichnung, die zugleich Fertigungsgrundlage und Angebotsbasis ist; je genauer sie ausfällt, desto weniger Rückfragen kostet der Auftrag später.

Es folgen Zuschnitt und mechanische Bearbeitung, dann die Veredelung der Oberfläche und zum Schluss Prüfung und Konfektionierung. Weil alle Schritte im selben Haus liegen, lassen sich Fehler früh korrigieren und Sonderwünsche kurzfristig einplanen. Für Beschäftigte bedeutet das abwechslungsreiche Arbeit und gleichzeitig hohe Verantwortung an jeder einzelnen Station: Ein falsch gesetzter Ausschnitt lässt sich an einer Einzelanfertigung nicht mehr reparieren.

Welche Berufe ein solcher Betrieb braucht

Wer sich fragt, wie man in einem Kunststoff verarbeitenden Industriebetrieb arbeitet, sollte drei Bereiche unterscheiden. In der Fertigung arbeiten Verfahrensmechanik für Kunststoff- und Kautschuktechnik, Zerspanung und Anlagenführung; hier entscheidet sich Maßhaltigkeit, und der Umgang mit CNC-Bearbeitung gehört zum Alltag. In der Veredelung braucht es Prozesswissen über Beschichtung, Reinraumbedingungen und Qualitätssicherung, ein Bereich, in dem Verfahrenstechnik und Chemie zusammenlaufen.

Der dritte Bereich ist Konstruktion und Vertrieb. Sonderanfertigungen bedeuten, dass zu fast jedem Auftrag eine Zeichnung gehört; entsprechend gefragt sind technische Produktdesignerinnen und -designer sowie Vertriebstechnik, die Kundenanforderungen in Fertigungsdaten übersetzt. In Betrieben dieser Größenordnung überschneiden sich diese Rollen häufig, was den Einstieg breiter macht als in einem Konzern.

Ausbildung und Einstieg

Der übliche Weg führt über eine gewerblich-technische Ausbildung im Betrieb. Typische Berufsbilder sind Verfahrensmechanik für Kunststoff- und Kautschuktechnik, Industriemechanik, Zerspanungsmechanik und Elektronik für Betriebstechnik, dazu kaufmännische Ausbildungen im Vertrieb. Wer bereits in einem Metall- oder Elektroberuf arbeitet, hat gute Chancen auf einen Wechsel, weil viele Anforderungen übertragbar sind.

Für den Landkreis Lüneburg ist dieser Betriebstyp deshalb relevant, weil er technische Arbeitsplätze außerhalb der Stadt bietet, in einem Kreis, dessen Arbeitsmarkt sonst stark von Gesundheit, Bildung und Verwaltung geprägt ist. Wer eine technische Laufbahn sucht, findet sie hier eher in den Gewerbegebieten der Umlandgemeinden als in der Innenstadt.

Was ist der Unterschied zwischen Polycarbonat und Acrylglas?

Polycarbonat ist deutlich schlagzäher und splittert nicht, während Acrylglas härter, aber spröder ist und bei Belastung reißen kann. Dafür ist die Oberfläche von unbeschichtetem Polycarbonat kratzempfindlicher; deshalb wird sie für dauerhafte Anwendungen beschichtet.

Wo werden beschichtete Kunststoffscheiben eingesetzt?

Vor allem im Maschinen- und Anlagenbau als Schutzscheiben und Sichtfenster, im Fahrzeugbau, bei Sportbanden sowie im Innenausbau als Trenn- und Schalterverglasung.

Welche Ausbildungsberufe gibt es in der Kunststoffverarbeitung?

Verfahrensmechanik für Kunststoff- und Kautschuktechnik, Industrie- und Zerspanungsmechanik, Elektronik für Betriebstechnik sowie technisches Produktdesign; dazu kaufmännische Ausbildungen im technischen Vertrieb.

Gibt es im Landkreis Lüneburg technische Industriearbeitsplätze?

Ja, überwiegend in den Gewerbegebieten der Umlandgemeinden statt in der Stadt selbst. Der Kreis ist sonst stark von Gesundheit, Bildung und Verwaltung geprägt, weshalb technische Betriebe dort weniger sichtbar sind, als sie sind.

Im Profil

Landkreis Lüneburg · NN +17 m

Gesundheit, Bildung und Mittelstand zwischen Elbe und Heide — der Arbeitsmarkt im Landkreis Lüneburg.

Alle Beiträge aus Lüneburg

Passend dazu

Neu im Landkreis Lüneburg: Ämter und Reihenfolge

Digitale Zusammenarbeit im Betrieb: Regeln, die tragen

Automatisierung im Mittelstand: Cobots aus Dahlenburg